Arbeit für die Cloud-Anbieter: Deutscher Mittelstand noch zurückhaltend
Das Kasseler Marktforschungsunternehmen Techconsult hat im Auftrag von Hewlett-Packard Deutschland die Einstellung von deutschen kleinen bis mittelständischen Unternehmen zum Cloud Computing studiert. Die Untersuchung wurde über vier Quartale seit Mitte letzten Jahres wiederholt. An ihr beteiligten sich 800 Unternehmen mit 20 bis 2.000 Mitarbeitern.
Wieder zeigt sich dabei ein Bild, das verschiedenen andere Markterhebungen in der letzten Zeit ergeben haben: Weltweit steigt die Akzeptanz von Cloud Computing schnell, nicht aber in Europa. Wie hier schon dargestellt, sind nach zwei Analysen von HP und Cap Gemini (Visionapp-News) sowie von der GFK (Visionapp-News) besonders die kleineren Unternehmen in Deutschland zurückhaltend. Im krassen Unterschied dazu setzen Firmen dieser Größe in den Schwellenländern massiv auf die Cloud, um für sie sonst unbezahlbare IT-Dienste zu beziehen.
Mehr als zwei Drittel der von Techconsult befragten deutschen Firmen betrachten Cloud Computing als weniger oder nicht nützlich. Nur zehn Prozent bewerten das Modell als sehr nützlich. Weitere 15 Prozent sehen es als nützlich an, planen aber zu einem erheblichen Teil keine Cloud-Nutzung. Der Techconsult-Analyst Stefan Neitzel erklärt: "Für Cloud-Anbieter ist gerade diese Gruppe besonders attraktiv – hier muss keine Nutzenargumentation über Cloud-Lösungen geführt werden."
Über den Zeitraum der Analyse hinweg hat sich die Stimmung in der Anwenderschaft kaum geändert. Techconsult sagt aber mittelfristig Verschiebungen der Ansichten voraus, weil sich die Vorzüge von Cloud Computing auf Dauer nicht ignorieren lassen. Außerdem ergab sich ein unmittelbares Wechselverhältnis zwischen der Beschäftigung mit dem Thema Cloud und der Bewertung ihrer Vorteile. Je intensiver sich Anwender damit auseinandersetzen, desto höher bewerten sie die Vorteile von Cloud Computing.
Firmen die nur wenige oder keine Vorteile in der Cloud sehen, begründen das mit ausreichend vorhandenen eigenen IT-Ressourcen. Das ist jedoch eine Verkennung der Chancen, so Analyst Neitzel: „Das Bild der Public Cloud überlagert in vielen Unternehmen die Möglichkeiten eines Private-Cloud-Modells – für die Mehrzahl der Cloud-Nutzer gerade der sinnvolle Einstieg in die Cloud-Welt.“ Die Fixierung auf Public Cloud verhindert diesen Zugang, denn diese wird von den IT-Abteilungen als potenzieller Jobkiller angesehen.
Wenn Firmen den Nutzen einer Cloud hoch bewerten, ist das bei vier Fünftel wegen der besseren Flexibilität durch Verfügbarkeit von Services nach jeweils aktuellem Bedarf der Fall. Fast genau so viele nennen Kosteneinsparungen bei Lizenzgebühren und Hardwareaufwendungen. Auch die höhere Sicherheit wird von der Hälfte der Firmen genannt. Genau das Gegenteil, nämlich geringere Sicherheit ist bei zwei Dritteln der Cloud-distanzierten das zweithäufigste Argument nach dem der vorhandenen Ressourcen.
Nur 22 Prozent der Unternehmen sehen sich als gut oder sehr gut auf die Einführung von Cloud Computing vorbereitet. Der Rest, also vier von fünf Firmen, sind weniger gut oder schlecht präpariert. Immerhin hat Techconsult über den Untersuchungszeitraum "eine deutlich positive Tendenz" in Sachen Cloud-Fitness festgestellt, muss allerdings eingestehen, die Werte lägen "auf einem ausbaufähigen Niveau".
Erstaunlicherweise haben sich die treibenden Kräfte in Richtung Cloud verschoben. Es sind nicht mehr Fachabteilungen, die kurzerhand Cloud-Services einkaufen. Die IT-Abteilungen haben wieder mehr die Kontrolle über die IT gewonnen, und sie sind nun die Cloud-Treiber. Bremsend wirkt anscheinend die Geschäftsleitungsebene. Techconsult empfiehlt, die Geschäftsführung angemessen zu adressieren, nämlich mit den Themen höherer finanzieller Flexibilität und der Reduktion von Kosten durch die Verschiebung von Capex zu Opex.
Von großer Bedeutung ist offenbar die Rolle der IT-Dienstleister der Unternehmen. Sie werden von der Hälfte der Firmen als Ursache genannt, warum sie Cloud-fit sind. Das ist wohl als Hinweis für Cloud-Anbieter zu verstehen. Denn Techconsult führt in diesem Kontext auch den Befund an, drei Viertel der befragten Mittelständler habe keinen Key Player in den Cloud-Bereichen PaaS, IaaS und SaaS nennen können, würden gleichzeitig aber etablierten Größen der IT-Branche die Marktführerschaft in diesen Segmenten zutrauen. Techconsult ist jedoch der Ansicht, dass das Rennen um Wahrnehmung und Vertrauen keineswegs schon entschieden ist.
Ludger Schmitz, freiberuflicher Journalist in München